Resonanz

Auf dieser Seite werden Reaktionen und Rückmeldungen auf die Arbeiten von Andreas Bohnenstengel gesammelt.

 

Achim G., (Jhg. 1962) per E-Mail am 7. Mai 2015: Gedanken zu einer Collage von Andreas Bohnenstengel

Es gab in meinem Leben einen dunklen Schatten. Der stand immer neben mir. Als ich noch ein ganz kleines Kind war, da ist dieser Schatten schon da gewesen. Und als ich dann älter wurde, da war dieser Schatten immer noch da, er war sogar schon vorher da, egal wo ich ankam. Es gab kein Leben ohne diesen Schatten. Es gab nicht mein Leben ohne diesen Schatten. Ich konnte diesem Schatten nicht entfliehen. Und wenn es draußen noch so sonnig war, immer neben mir war mein Schatten. Ich hatte keine Worte dafür, ich konnte ihn nicht benennen, nicht beschreiben. Ich wusste nicht, was es war. Ich habe wohl gelernt, damit zu leben, mit diesem Schatten. Es ging ja auch gar nicht ohne.

Ich kann kaum sagen, wie dieser Schatten sich anfühlte. Er strahlte etwas Bedrückendes aus und etwas Unheimliches. Es war etwas, das mir Angst machte. Ich fand meine Wege, damit umzugehen, ich fand heraus, wie ich die Angst in den Griff bekomme. Ich hatte meine Möglichkeiten. Eine davon waren meine Plastikwelten. Ich baute Plastikpanzer im Maßstab 1:35. Ich baute sie in Landschaften hinein, zusammen mit Menschen, mit Soldaten. Ich fing schon damit an als Kind und habe es dann wieder aufgegriffen als ich Mitte 30 war. Mein Vater war inzwischen gestorben, so hatte ich das Gefühl, ich konnte meinem Vater nahe sein, durch diese Landschaften. Er war Soldat im 2. Weltkrieg. Alle meine Plastikwelten siedelten im 2. Weltkrieg. Mir war, als könnte ich dem dunklen Schatten in meinem Leben eine Farbe geben durch diese Landschaften.

Es war der Krieg, dieser dunkle Schatten. Ein Krieg, den ich selber niemals erlebt habe. Und doch war ich darin zu Hause, in dem Krieg, der lange vor meiner Geburt geschehen war.

Kriegsenkel Eisenbahn

Ich sah dieses Bild und erkannte mich selbst. So klar und so deutlich, wie selten in meinem Leben. Mir war, als würde genau dieses Bild mehr über mich sagen als das Passfoto in meinem Personalausweis. Der Junge in dem Zug – als wäre ich das selbst. Ich lebe mein Leben, es ist eigentlich bunt. Eigentlich geht’s mir gut. Ich habe sogar Spielzeug. Schönes Spielzeug. Mein Vater baute uns Kindern einen sehr großen LKW aus Holz, da habe ich fast so drin gesessen wie der Junge auf diesem Bild. Eigentlich ging es mir gut. Eigentlich. Immer nur eigentlich, denn da war immer etwas Dunkles, Schweres, der dunkle Schatten, der mich verfolgte. Im Hintergrund des Bildes erkenne ich genau diesen dunklen Schatten: als schwarz/weiß Foto dieser lange Zug – ein Wehrmachtstransport. Nachschub für die Front im 2. Weltkrieg. Was hat das mit diesem Jungen zu tun? Alles. Es ist der dunkle Schatten. Eine Person ist zu sehen, die auf einem der LKWs sitzt. Vielleicht ist es der Vater des Jungen. Der Vater ist inzwischen längst zurück aus dem Krieg, aber der Krieg lebt immer noch im Vater. Und so kommt der Krieg in das Leben des Jungen. Als dunkler, schwarzer Schatten. Ganz, ganz schwer und bedrohlich, so wie das Rattern dieses endlosen Zuges, der ins Ungewisse rollt, dem Tod entgegen, selber Tod bringend zu unschuldigen Menschen. Der Vater hat den Krieg überlebt, aber er hat in mitgebracht, nach Hause und damit auch in das Leben des kleinen Jungen. Der weiß gar nicht, was ihm geschieht, er weiß nicht, was ihm Angst macht und das spielt auch keine Rolle, denn er kennt es ja gar nicht anders, der kleine Junge. Vielleicht kommt jemand vorbei und sieht den kleinen Jungen in seiner Eisenbahn. Vielleicht wundert sich dieser Jemand, warum denn der kleine Junge gar nicht fröhlich guckt, er hat es doch so schön, dort in seinem Zug. Der kann gut reden, dieser Jemand, denn er sieht den dunklen Schatten nicht. Der Junge ist nicht allein, niemals allein, niemals in Frieden. Es ist Krieg. Immer noch.